I need a holiday
[Fortsetzung / Freitag]
Der Liebste und ich schliefen gute 7-8 Stunden in der Nacht. Am nächsten Tag wirkte er morgens viel entspannter und war auch wieder besser beieinander. Nach einem ausgiebigen Frühstück und dem gemeinsamen Konsum einiger der leichteren Unterhaltung zuzuordnender Fernsehformate verliess ich am späten Vormittag das Haus, um meiner Arbeit nachzugehen. Bis dahin war alles unauffällig und ich dachte zu diesem Zeitpunkt wirklich, diese Verwirrtheit der letzten Tage war nur eine Folge des Schlafmangels und mit einer gut durchschlafenen Nacht vorbei. Aber weit gefehlt…
Als ich frühabends nach Hause kam, erzählte der Liebste mir, er hätte den Tag weiterhin vor der Glotze verbracht und sei besonders von einer Gerichtssendung positiv überrascht gewesen. Die Sendung scheine ja gar nicht so schlecht zu sein, wie er bis dahin immer angenommen hatte und vielleicht sähe er sie sich jetzt öfters an. Ein bisschen wunderte ich mich ob der plötzlichen Fernsehbegeisterung meines ansonsten fernsehhassenden Freundes. Das passte so gar nicht zu ihm, aber Menschen ändern sich ja beizeiten und vielleicht brauchte er einfach ein wenig Berieselung. Zeit, um das Thema mit ihm durchzudiskutieren hatte ich sowieso nicht, weil ich an dem Abend in einer Kneipe eine Party eines Bekannten “hosten” musste, also der Mensch war, der die Verantwortung trägt und den Laden nachts wieder zumacht. Ich tat die Äusserung also als kleine Merkwürdigkeit ab und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zu der Party.
Der Abend verlief recht nett und auch der Liebste nahm Anteil am Geschehen. Zwischendrin wirkte er phasenweise ein wenig abwesend und müde, aber das schob ich auf den schlechten Schlaf der letzten Tage. Auf mein Anraten hin verzichtete er an diesem Abend auf Alkohol und ähnliche Rauschmittel. Wir hatten am Tage davor versucht herauszufinden, woher denn sein Schlafproblem kommen könnte, und ich riet ihm, in nächster Zeit etwas mehr auf sich zu achten und vor allem eine gute “Schlafhygiene” zu fördern, also für eine Weile rauschabstinent zu sein, für eine angenehme Schlafumgebung zu sorgen, nicht zu spät zu essen, usw.
Zuhause angekommen wollte ich eigentlich nur noch ins Bett, es war auch schon nach 3 Uhr und ich fühlte mich wie erschlagen. Wie man das als Paar so macht, redeten wir noch ein wenig vor dem Zubettgehen und liessen den Tag Revue passieren. Das uferte allerdings bald aus und es entwickelte sich daraus ein mehrere Stunden dauerndes Gespräch, indem der Liebste plötzlich, wie wenn jemand einen Schalter umgelegt hätte, sehr befindlichkeitsfixiert scheinbare Kleinigkeiten zu grossen Lebensproblemen aufbauschte. Zum einen waren das einzelne Begebenheiten aus seiner Kindheit, die er im Nachhinein als sehr schlimm darstellte und auch nicht wirklich davon abzubringen war, obwohl ich ihm erklärte, dass das doch sehr normative Erfahrungen wären, also Dinge, die jeder in seiner Biographie vorfindet. Da kamen zum Beispiel nicht erfüllte Kinderwünsche zur Sprache oder ähnliche kleine Enttäuschungen, die ich persönlich unter “charakterfördernd” verbuchen würde. Zum anderen schien er auch auf einmal sehr unzufrieden mit einigen Dingen seines momentanen Lebens, was ich bis dato nicht von ihm gehört hatte. Wir reden sonst offen und über alles, und es hat mich in dieser Situation wirklich sehr gewundert, dass ich da von Problemen erfuhr, die er nie zuvor geäussert hatte. Man merkte in dem Gespräch, dass er sehr krasse Gedankensprünge hatte und teilweise nicht kausal zusammenhängend erzählte. Darauf angesprochen schob er es auf seine Müdigkeit. Ich hörte aber weiterhin verständnisvoll zu und versuchte, ihm das Gefühl zu geben, dass sicherlich bald alles in Ordnung käme und ich ihm gerne dabei helfen würde.
Gegen 8 Uhr morgens beendeten wir dann das Gespräch, weil ich einfach nicht mehr konnte und fast einschlief. Er konstatierte daraufhin, dass er vielleicht einfach nur mal Urlaub bräuchte und jetzt auch müde wäre. Wir legten uns hin und ich schlief sofort ein. Zwei Stunden später weckte er mich mit einem fröhlichen “Aufstehen, Frühstück!” und konnte es gar nicht verstehen, dass ich eher erbost als erfreut war. Essen war das Letzte, was ich in diesem Augenblick sehen wollte. Ich moserte ein wenig rum, erfuhr dabei, dass er gar nicht geschlafen hatte und sich hellwach fühlte, während ich kaum aus den Augen gucken konnte. Ich legte mich dann nochmal für ein paar Stunden hin. Für den restlichen Samstag fehlen mir einige Erinnerungen.
[Fortsetzung folgt.]


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